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Ist Wolle vegan?

Ist Wolle vegan?

Warum Wolle nicht vegan ist und warum Schafe nicht zwingend geschoren werden müssen? Dies und vieles andere wollen wir hier erklären!

Eine gute Freundin von uns führt seit einigen Jahren einen kleinen Laden für individuelle Mode. Das heißt, sie achtet auf kleine Labels, die nachhaltig arbeiten und abseits vom üblichen Mainstream sind. In letzter Zeit hatte sie zunehmend vegane Kundinnen, die sie ermuntert haben, sich auch in diese Richtung stärker zu etablieren. Da sie selbst nicht vegan lebt, hat sie uns gefragt, auf was sie denn da achten müsse. Ob es denn ein Problem wäre, Wolle zu verwenden. Und wenn ja warum eigentlich? Zumal es sich doch um einen nachwachsenden „Rohstoff“ handeln würde. Im Gegensatz zum Leder, das von toten Tieren kommt. Auch wollte sie wissen, welche Ersatzstoffe wir Veganer denn nutzen bzw. ob wir denn gar keine Pullis oder Schals stricken würden oder könnten.

Als Veganer meiden wir generell tierische Produkte, verzichten daher von Haus aus auf Wolle, kennen aber durchaus die Problematik, dass nicht alles, was vegan ist, auch nachhaltig ist. Da wir ihr natürlich gerne ein bisschen fundiertere Argumente liefern wollten, haben wir bei der Recherche ein paar interessante Fakten aufgetan, die wir Euch gerne zur Verfügung stellen wollen.

Warum Wolle nicht vegan ist und was das mit dem Scheren der Schafe zu tun hat

Wenn es um Wolle geht, stellen sich die meisten von Euch sicher ein kuschliges Lamm vor, das vorsichtig geschoren wird und froh ist, dass es endlich den schweren Pelz los ist. Diese Wolle wird dann am Spinnrad versponnen und landet in einem liebevoll gestrickten Bekleidungsstück. So mag das vor der Industrialisierung auch gewesen sein: Wenn man etwas brauchte, konnte man sich das nehmen, was die Tiere zur Verfügung gestellt haben. Dann wurde aus der Wolle z. B. ein Pullover gestrickt, der von seinem Träger so lange angezogen wurde, bis er aufgetragen war oder weitervererbt wurde.

Fällt Euch da etwas auf? Richtig! Produziert werden heutzutage Tonnen von Bekleidung. Wir kaufen nicht, was wir brauchen, sondern weil es uns gefällt, weil es ein Angebot dafür gibt. Die meisten Kleidungsstücke werden auch nicht aufgetragen, sondern weggeworfen. Darunter sogar wiederum Tonnen von ungetragenen, weil nicht verkauften Waren. Und wir verarbeiten auch nicht, was Natur oder Tiere uns zur Verfügung stellen, sondern diese werden in einer Hochleistungsindustrie auf maximale Produktion getrimmt, damit sie die Grundlagen und Rohstoffe all unserer vermeintlichen Wünsche liefern.

Versteht mich nicht falsch, auch wir lieben Konsum, kaufen uns gerne etwas Neues zum Anziehen, einfach weil es manchmal nur Spaß macht. Aber Ihr dürft auch nicht die Augen davor verschließen, wer das zu welchem Preis liefert.

Einige von Euch glauben sicherlich, dass Schafe geschoren werden müssen, da die Tiere sonst unter der Wolle litten. Fakt ist aber, dass nicht domestizierte Schafe nur so viel Wolle am Körper tragen wie sie brauchen, um sich vor extremer Witterung zu schützen. Die konventionelle Schafzucht hat dagegen den übermäßigen Wollwachstum der Tiere herangezüchtet.

Tier-Wohl oder Tier-Wolle – beides geht nicht.

In Australien, wo 30 % der weltweiten Wolle produziert wird, gibt es hauptsächlich Merinoschafe, deren Wolle als besonders hochwertig gilt. Diesen Schafen wurde eine sehr faltige Haut angezüchtet, sodass sie mehr Wolle am Körper haben, als für sie normal wäre. Was das für die Tiere bedeutet, könnt Ihr Euch vielleicht vorstellen. Sie können in den heißen Monaten an Überhitzung sterben, in den Falten setzen sich Feuchtigkeit und Urin ab, die wiederum Fliegen anziehen, die ihre Larven dort ablegen. Eine absolute Qual für die Schafe. Aber die Gegenmaßnahmen, das sogenannte Mulesing, verstärkt ihre Qual nur: Es werden Hautlappen am Hinterteil und rund um den Schwanz abgeschnitten.

Auch die Schafschur an sich ist eine quälende Prozedur für die Tiere. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die Schafscherer nicht nach Arbeitszeit, sondern nach Menge bezahlt werden. Dieser Zeitdruck führt zu Stress und oft auch Verletzungen bei den Tieren. Wenn Ihr Euch vorstellt, dass in Australien etwa 70 Millionen Schafe gehalten werden, dann wird Euch auch klar, dass angesichts riesiger Herden definitiv kein sorgsamer Umgang mit den Tieren erfolgt, sondern diese ganz klar in einer für die Tiere erbärmlichen Massentierhaltung leben, in der sie nach ca. 5 Jahren zur Schlachtung nach Nordafrika und in den Nahen Osten verkauft werden. Dass die Transportbedingungen ähnlich katastrophal sind und viele Tiere bereits auf dem Weg qualvoll verenden, ist nicht weiter verwunderlich.

Also, damit wäre schon mal aufgeräumt mit der Vorstellung vom „natürlich nachwachsenden Rohstoff Wolle“.

Mit der Massen-Wolle wachsen die Umweltprobleme

Neben Tierschutzgründen sind auch die Umweltbelastungen zu sehen, die die Wollproduktion mit sich bringt: Zum einen werden zur konventionellen Schafzucht riesige Mengen an Grasland benötigt, die sonst anders genutzt oder der Natur zurückgegeben werden könnten.
Noch gravierender ist die riesige Menge an Methangas, die von den riesigen Tierherden als Wiederkäuer bei der Verdauung produziert wird, und 25-mal klimaschädlicher ist als CO2. Dazu kommen noch Unmengen von Pestiziden, die bei der konventionellen Schafzucht eingesetzt werden. Und last, but not least: Viele Menschen reagieren auf tierische Materialien allergisch, was zu Rötungen oder unangenehmen Juckreiz führen kann.

Übrigens, auch bei der konventionellen Produktion von Kaschmirwolle – aus dem Unterfell der Kaschmirziege, Angorawolle aus Kaninchenhaaren, Mohairwolle aus den Haaren der Angoraziege und anderen Arten tierischer Wolle, steht die Wolle im Vordergrund und nicht das Tier. Auch hier werden die Tiere in der Regel nicht sorgsam behandelt, sondern sogar verletzt oder zumindest Stress ausgesetzt. Also, am besten auch hier ganz vegan auf jedes tierische Produkt verzichten!

Welche Alternativen gibt es zur Wolle?

Nichttierische Materialien wie Baumwolle oder Leinen sind seit Langem bekannt und daher auch keine neuen Erfindungen. Baumwolle gilt als der bedeutendste Textilrohstoff weltweit, aber der Anbau von konventioneller Baumwolle ist aufgrund des hohen Wasserverbrauchs und des Einsatzes von Pestiziden, Düngemitteln und gentechnisch veränderten Baumwollpflanzen kritisch zu sehen. Neue pflanzliche Materialien sind dazu gekommen, und wir haben Euch die wichtigsten einmal aufgeführt:

Bambus
Bambus lässt sich zu Viskosefasern verarbeiten, fühlt sich wie eine Mischung aus Seide und Kaschmir an, ist strapazierfähig und atmungsaktiv. Als natürliche Pflanzenfaser ist der Stoff später leicht biologisch abbaubar. Die Fasern sind belastbarer und weicher als Merinowolle und speichern keine Gerüche.

Leinen/Flachs
Ein haltbares Material ist Leinen/Flachs, das die Fähigkeit besitzt, kühlend zu wirken und trocken zu bleiben. Es besitzt anti-allergene Eigenschaften, ist Schmutz abweisend und fast antistatisch. Leinen benötigt beim Anbau deutlich weniger Pestizide und Düngemittel als andere Kulturpflanzen und ist recycelbar sowie biologisch abbaubar.

Lyocell/Tencel
Das Gewebe wird in einem umweltfreundlichen Prozess aus Holz extrahiertem Zellstoff hergestellt, bei dem nicht toxische Lösungsmittel verwendet werden. Die Faser ist biologisch abbaubar, recycelbar und faltenfrei und gilt als Ersatz für Seide. Die Herstellung von Lyocell/Tencel erzeugt weniger CO2-Emissionen und benötigt weniger Energie und Wasser als die Produktion von anderen herkömmlichen Textilien.

Modal
Modal ist eine Viskosefaser, die ausschließlich aus nachwachsendem Holzzellstoff der Buche gewonnen wird, wobei verwandte Modalfasern auch aus Eukalyptus oder Pinien gewonnen werden können. Das Gewebe ist sehr weich und glatt, mit einem mittleren bis hohen Glanz und rund 50 Prozent saugfähiger als Baumwolle.

SeaCell
Diese Fasern verbinden Zellulose mit Algen. Getrockneter Seetang wird grob zerkleinert, gemahlen und gleichzeitig mit Zellulosefasern vermischt. Die Braunalgen sind reich an Mineralien und Spurenelementen und können auf der Haut entzündungshemmend wirken und Juckreiz lindern. Die poröse Struktur der SeaCell-Textilfasern fördert die Feuchtigkeitsaufnahme und -abgabe, was die Faser auf der Haut im Winter warm und im Sommer kühl hält.

Sojaseide
Ein neues umweltfreundliches Material ist die Sojaseide, die als Nebenprodukt der Sojabohnen-Verarbeitung für Tofu anfällt. Sie besitzt die Weichheit und den Glanz von Seide, die Haltbarkeit von Baumwolle und die Wärme und den Komfort von Kaschmir. Der Herstellungsprozess ist 100 Prozent natürlich und geschieht ohne jegliche Erdöle, die Fasern sind komplett biologisch abbaubar.

Hanf
Die Hanfpflanze wächst robust ohne die Verwendung von Pestiziden oder chemischen Düngemitteln und ist damit ideal für den ökologisch-veganen Anbau. Hanfwurzeln wachsen bis zu einem Meter in den Boden und verhindern dadurch Erosion und Verlust von nährstoffreichem Boden. Außerdem ist das Gewebe vollständig kompostierbar. Die Textilfaser ähnelt vom Griff und Aussehen Leinen und ist dreimal so strapazierfähig wie Baumwolle.

“rPET” Das steht für recyceltes Polyethylene Terephthalate (PET). Es bezeichnet den aus Plastikflaschen gewonnenen recycelten Kunststoff. Aus den Polyesterfasern kann kuscheliges Polyesterflanel hergestellt werden. Dadurch hat rPET einen um fast 90 % geringeren CO2-Fußabdruck als etwa Nylon, einen 75 % kleineren CO2-Fußabdruck als neues Polyester und sogar 50 % weniger Emissionen als Biobaumwolle!

Daneben gibt es natürlich noch häufig verwendete Chemiefasern wie Acryl und Polyester, die jedoch als vegane Alternativen nur bedingt zu empfehlen sind, da bei jedem Waschgang Mikroplastik in das Abwasser und von hier aus in offene Gewässer gelangt. Dieses stellt eine Gefahr für viele Tierarten und unsere Umwelt dar. Daher empfehlen wir Euch mit gutem Gewissen die genannten pflanzlichen Alternativen.

Vegan Stricken: Tierfreie Wolle selbst verarbeiten

Für alle unter Euch, die wie wir gerne der Dauertrendbeschäftigung Stricken nachgehen und Pullover, Schals oder Strickjacken auch mal selbst herstellen wollen, heißt das also auch hier aufpassen: Selbst gestrickt ist zwar nachhaltig, die Produktion fair und schonend. Aber gilt das auch für die von Euch verwendete Strickwolle? Die oben genannten pflanzlichen Materialien bzw. tierfreie Wolle, die in der Bekleidungsproduktion verwendet werden, sind natürlich zum Großteil auch für alle DIY-Projekte zu beziehen. Vegane Wolle gibt es ja nicht erst, seitdem Veganismus als Lebenskonzept redaktionell bearbeitet wird. Wollgeschäfte bieten in der Regel auch eine Auswahl an tierfreier Wolle in Form von Baumwolle oder synthetischer Wolle oder verschiedene Mischungen aus beidem an.

Es gibt inzwischen aber auch spezielle Online-Wollshops, die ausschließlich vegane Garne anbieten und Euch so vegan Stricken ermöglichen. Gerade hier könnt Ihr auch immer wieder neue Materialien bzw. Garnmischungen mit neuen Materialien entdecken wie z.B. Kork, Mais oder wiederentdeckt die Brennnessel oder reJeans aus recycelter Baumwolle. Angeboten werden häufig Mischungen mit synthetischer Wolle, die das Verarbeiten gerade für Anfänger ein bisschen einfacher machen, da die rein pflanzlichen Garne durch ihre glatte Oberfläche leichter von der Nadel rutschen können.

An die Meere denken

Angesichts der schädlichen Auswirkungen von Mikroplastik und der Verschmutzung der Meere durch Plastikabfälle haben wir für uns entschieden, den Anteil synthetischer Wolle und Fasern in der Bekleidung zu minimieren. Die eine Ideallösung gibt es da leider noch nicht, wenn man z. B. an das Thema Outdoorbekleidung denkt, die zum Großteil aus Kunstfasern produziert wird.

Aus Diskussionen mit anderen Veganern wissen wir, dass es nicht immer einfach ist, die uns selbst gestellten Vorgaben vegan und gleichzeitig umweltverträglich hundertprozentig umzusetzen. Die einen haben für sich die Lösung gefunden in Secondhand-Läden einzukaufen, die anderen tragen ihre alten Wollpullover und Schuhe auf – wem hilft es, wenn sie diese entsorgen, bevor sie aufgetragen sind. Wiederum andere kaufen die nur – zugegebenermaßen häufig viel teurere vegane und gleichzeitig umweltverträgliche Biovariante. Einige üben sich gar im kompletten Verzicht, während andere es sich leisten z. B. auch mal eine Funktionsjacke zu tragen, die aus recyceltem Kunststoff ist, weil sie wissen, dass sie ein langes Leben hat.

Wir wollen Euch da keine Vorschriften machen oder Empfehlungen geben. Deshalb schreibt uns, wir Ihr mit dem Thema umgeht. Oder was habt Ihr für Ideen dazu?

In veggies we trust!

Foto: iStock.com/Tero Vesalainen

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